Die Urleere am Beginn des nordischen Universums
Überblick
Ginnungagap ist die Urleere oder -kluft, die existierte, bevor der nordische Kosmos entstand, das Nichts, aus dem alles hervorging, der Raum reinen Potenzials, in dem die Kräfte des Feuers und des Eises sich erstmals begegneten und aus deren Wechselwirkung das erste lebende Wesen hervorgebracht wurde. Der Name ist altnordisch und wurde von Gelehrten auf verschiedene Weisen interpretiert: Die häufigsten Lesarten sind die gähnende Leere, die magisch aufgeladene Kluft oder die Kluft der Klüfte, eine Superlativform, die die vollständigste mögliche Abwesenheit andeutet. Ginnungagap war das, was vor allem da war, und seine Funktion in der nordischen Schöpfungserzählung ist es, den Raum und die Bedingungen bereitzustellen, innerhalb derer die Urkräfte interagieren konnten, um das erste Leben zu erzeugen.
Quellen
Die primären Quellen für Ginnungagap sind die Prosa-Edda von Snorri Sturluson, insbesondere das Gylfaginning, das den detailliertesten Prosabericht über seine Natur und Rolle in der Schöpfungserzählung liefert, und das Vafthrudnismal und die Voluspa in der Poetischen Edda. Die Voluspa beginnt mit dem Bild einer Zeit, bevor die Welt existierte, als es weder Sand noch Meer noch kühle Wellen gab, weder Erde unten noch Himmel oben, nur eine gähnende Kluft und nirgends war Gras, was eines der eindrucksvollsten Bilder von Ur-Nichts in jeder Weltmythologie präsentiert.
Die Struktur der Leere
Ginnungagap existierte nicht isoliert. Im Norden lag Niflheim, die Urwelt aus Eis, Nebel und Kälte, aus der die elf Flüsse namens Élivágar in die Leere flossen und dort gefroren. Im Süden von Ginnungagap lag Muspelheim, die Welt des Feuers, brennend und unpassierbar, regiert vom Riesen Surtr. Die Wärme und Funken von Muspelheim breiteten sich nordwärts in Ginnungagap aus auf das sich ansammelnde Eis aus Niflheim zu. In der Mitte, wo sich die beiden Regionen trafen, begann die Hitze Muspelheims das Eis Niflheims zu schmelzen, und aus dem Tropfen des schmelzenden Eises entstand das erste lebende Wesen: der Ur-Frostriese Ymir, der passiv und ohne jede göttliche Handlung erschien, das spontane Produkt der Wechselwirkung der beiden Urkräfte.
Ginnungagap als kreativer Raum
Das Konzept von Ginnungagap als Raum magischen Potenzials vielmehr als einfache Leere oder Leerheit ist bedeutsam für das Verständnis der nordischen Schöpfungserzählung. Die Leere war nicht nichts im absoluten Sinne; sie war ein mit Potenzial aufgeladener Raum, eine Kluft, in der Dinge passieren konnten, weil keine der beiden organisierenden Kräfte, die die Welt schließlich gestalten würden, sich noch durchgesetzt hatte. Dieses Verständnis der Schöpfung als aus der Wechselwirkung gegensätzlicher Kräfte ohne die Absicht eines Schöpfers entstehend ist in der Weltmythologie unverwechselbar. Die meisten Schöpfungserzählungen beinhalten entweder einen Schöpfer, der die Welt aus vorexistierender Materie formt, oder einen Schöpfer, der Materie ex nihilo durch Willen oder Sprache erzeugt. Die nordische Erzählung beginnt stattdessen mit zwei Kräften und einem Raum zwischen ihnen.
Die Transformation Ginnungagaps
Nach der Tötung Ymirs und dem Aufbau der Welt aus seinem Körper hörte Ginnungagap als eigenständiges Element effektiv auf zu existieren: Die Leere wurde von der Welt gefüllt, die die Götter aus Ymirs Fleisch aufbauten. Der Ozean, der Midgard umkreist und in dem Jörmungandr lebt, ist Ymirs Blut, das füllt, was einst die Leere war. Die Erde ist Ymirs Fleisch. Der Himmel ist Ymirs Schädel. Die Welt ist im buchstäblichen Sinne die Füllung der Urkluft, die Transformation der Leere in Substanz durch die Gewalt der Tötung des ersten Wesens durch die Götter.
Ginnungagap bei Ragnarök
Die Beziehung zwischen Ginnungagap und Ragnarök ist in den Quellen eher implizit als explizit, aber kosmologisch konsistent. Ragnarök ist unter anderem die Welt, die in den Zustand zurückkehrt, aus dem sie gemacht wurde: Surtrs Feuer verbrennt alles; das Meer steigt und verschluckt das brennende Land; die aus Ymirs Körper aufgebaute Welt fällt auseinander. Die neue Welt, die nach Ragnarök aus dem Meer aufsteigt, beginnt den Prozess von neuem.
Vergleichende Mythologie
Das Konzept einer Urleere oder -kluft, aus der die Welt durch die Wechselwirkung gegensätzlicher Kräfte hervorgeht, erscheint in mehreren anderen Weltmythologie-Traditionen. Das griechische Chaos, aus dem die ersten Wesen hervorgingen, teilt mit Ginnungagap den Charakter eines formlosen Potenzials, aus dem Differenzierung entsteht. Die mesopotamischen Tiamat und Apsu, das Salzwasser und Süßwasser, deren Vermischung die ersten Götter erzeugt, sind parallel zu Nordischen Eis und Feuer, deren Begegnung das erste Wesen erzeugt.
Vermächtnis und Bedeutung
Ginnungagap ist das grundlegende Konzept der nordischen Kosmologie, der Zustand, aus dem alles andere hervorgeht. Sein Charakter als Raum magischen Potenzials vielmehr als absolutes Nichts, seine Rolle als Begegnungsort der Urkräfte, deren Wechselwirkung das erste Leben erzeugte, und seine Transformation in die Welt durch den gewaltsamen Tod dieses ersten Lebens geben der nordischen Schöpfungserzählung eine philosophische Struktur, die ebenso anspruchsvoll ist wie jede in der Weltmythologie.